T wie Trödeln

Eines der größten Krisenpotentiale im Zusammenleben mit Kindern besteht in den unterschiedlichen Interpretationen von Geschwindigkeit und Zeit. Wenn sie Beruf und Familie unter einen Hut bekommen wollen, ist für sie eine gewisse Logistik und ein funktionierendes Zeitmanagement notwendig, damit das zumindest organisatorisch und theoretisch mit dem strukturierten Familienablauf funktionieren kann. Jede Wette, auch sie machen entsprechende Pläne – und jede Wette, auch bei ihnen wird es jemanden geben, der diese Pläne in schöner Regelmäßigkeit  sabotiert. Denn die Kinder sehen das natürlich ganz anders – bei denen sind sie der Buhmann, der deren „grenzenlose“ Geduld, die aus Elternsicht natürlich überhaupt nicht vorhanden ist, strapaziert. Da werden dann schon mal Veitstänze der Wut vollführt, weil man zehn Minuten vor dem Essen keine kleinen  Snacks mehr anreichen will…
Wenn Kinder was wollen hat man als Erwachsener grundsätzlich das Gefühl, dass man sowieso immer zu lahm ist, vermutlich ist das Zeitgefühl bei Kindern notorisch unterentwickelt. Die Verweildauer am Tisch bei Mahlzeiten scheint von Kindern ebenfalls als Foltermethode wahrgenommen zu werden. Geduld und Geschwindigkeit sind halt relativ. Denn wenn es um Dinge geht, die für Kinder jetzt nicht die allererste Priorität haben wie zum Beispiel in die Kita oder in die Schule zu gehen, dann ist es nicht gerade so, als ob die Kleinen Hummeln im Hintern haben. Nein, wenn ein gewisser Aktionismus aus Elternsicht mal ganz dankbar wäre, ja dann entdeckt die Jugend ihr Herz für die entspannte Langsamkeit und bleibt total cool…
Wo sie schon augenrollend genervt von einem Bein aufs andere hüpfen, weil der Nachwuchs nicht in die Pötte kommt, versteht dieser die Aufregung so überhaupt nicht. Und während sie morgens mit Puls 150 durch die Küche wirbeln, um Frühstück und Schulbrote zeitgerecht am Start zu haben, schlurfen selbst die jüngsten in Seelenruhe durch die Flure, chillen erst mal gemütlich, oder noch besser, legen sich noch mal ins Bett, weil es dort ja so schön kuschelig ist… Das sind Situationen, in denen der Familienfrieden – sagen wir es mal ganz vorsichtig – ein klitzekleines bisschen aus der ansonsten fest verankerten Basis gerissen werden kann.
Gehen sie also davon aus, dass Ihr Tag somit entsprechend als Kameltreiber beginnt, der die dröge, noch schlaftrunkende Herde Richtung Bad und Küche treibt, damit nicht massenweise Tadel fürs zu spät kommen ins Haus flattern. Für das, was dann folgt, braucht man Nerven wie Drahtseile. Manche Kinder sind geradezu Meister darin, die Eltern in Rekordzeit in Pulssphären jenseits von gut und böse zu jagen. Zuerst wird erst mal der morgendliche Kakao mit Milchschaum zelebriert, wobei man den Eindruck hat, der Dreikäsehoch befindet sich nicht kurz vor dem Kita- oder Schulbesuch sondern im Wellnessurlaub. Hat man dann das kleine Wunder vollbracht, und der Zögling ist tatsächlich nach unzählbaren Ermahnungen im Badezimmer angekommen, nimmt das Drama seinen weiteren Lauf. Nr. 1 bekommt also den Auftrag, sich anzuziehen. In der Zwischenzeit geht man besser mal nachsehen, womit sich Nr. 2 gerade beschäftigt, in den allerseltensten Fällen hat es nämlich was mit anziehen zu tun. Nach einiger Zeit geht es wieder ins Bad, mal sehen, was Nr.1 so treibt: In der Regel nichts, will heißen, man wähnt sich immer noch im Spa und chillt auf dem geheizten Fußboden. Das gibt dann wieder ermahnende Worte, danach geht es wieder zu Nr. 2, der mit Sicherheit nur halb angezogen gerade das Lego aus dem Schrank räumt. Nach der erfolglosen Diskussion, ob das denn so zielführend ist, geht es wieder ins Bad, wo einen Nr. 1 damit beglückt, in der Zwischenzeit – gefühlt eine halbe Stunde mindestens – doch tatsächlich einen Socken angezogen zu haben… Dieses Trödeln macht eine fertig… Das ist den Bürschchen aber egal, die ziehen ihr Ding gnadenlos durch. Hat man kurz vor dem Zusammenbruch tatsächlich das Wunder vollbracht und die Jugend auf den Weg zur Kita oder Schule gebracht, erfreut man sich daran, dass an jeder Pusteblume gerupft, jede Schnecke als biologisches Highlight mit entsprechenden Zeitaufwand zelebriert und zügiges Laufen grundsätzlich als völlig überbewertet eingestuft wird…
Schweißgebadet verfrachtet man die Jugend dann in den aufnehmenden Institutionen. Dann möchte man eigentlich auch gerne mal chillen statt die Trödelei durch eigene Hektik wieder aufzuholen. Und dann muss man sich klammheimlich eingestehen: Eigentlich hat die Gelassenheit der Kinder was…