R wie Reisen

Reisen ist in den heutigen Zeiten ein – leider zur Selbstverständlichkeit verkommenes – Privileg. An dieser Stelle sei eine Einschränkung erlaubt: SELBSTBESTIMMTES Reisen ist ein Privileg. Sollten sie derzeit noch kinderlos sein, seien sie sich dieser Einschränkung bewusst und genießen sie die Zeit, in der sie Ziele, Reisemittel und Gestaltung einer Reise noch in den eigenen Händen halten. Denn mit dem ersten süßen Schreihals ist es damit abrupt zu Ende. Ab da sind sie FREMDBESTIMMT. Das soll nicht heißen, dass diese Art zu Reisen nicht ebenfalls ihre Reize hat. Denn gute gelaunte Kinder sind definitiv eine absolute Bereicherung für jede Urlaubsfahrt. Die Sprüche und Erlebnisse von und mit den Kindern vertreiben garantiert auch die schlechteste Laune. Grundsätzlich gilt also die Aussage „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben“. Und dass sie das tun, dafür werden die kleinen Frischlinge schon sorgen…
Im Säuglingsalter wiegt man sich in der Regel noch in trügerischer Sicherheit – zumindest solange das Baby das Autofahren gut verträgt. Ist das der Fall, fällt es kaum auf, dass man plötzlich mit einem Passagier mehr an Bord unterwegs ist. Sollte Ihr Kind allerdings eine Art Allergie gegenüber dem Autofahren entwickeln, sieht die Sache leider etwas anders aus. Dann dürfen sie sich in die Armada an verzweifelten Eltern einreihen, die alle 5 Kilometer versuchen, ihre schreienden Kinder zu beruhigen…
Sind die Kinder dann etwas größer und einer geordneten Kommunikation mächtig, werden sie feststellen, dass das Kommando zusehends von den Jüngsten übernommen wird und sie das Wort Langeweile aus ihrem Reisevokabular streichen können. Der Klassiker ist das berühmte „Wann sind wir da?“, das tatsächlich schon kurz nach der Abfahrt ertönt. Es wird auch gerne im Minutentakt wiederholt, es könnte ja sein, dass Mama oder Papa sich mit der Ansage „Wir brauchen noch mindestens zwei Stunden, du kannst ruhig noch ein bisschen schlafen“ einfach geirrt haben.
Nun, auch ich zähle mich zu den Menschen, die in meiner jetzigen Lebensphase zu denen gehören, die fremdbestimmt auf deutschen Autobahnen unterwegs sind. Das Kommando haben meine drei Fondpassagiere übernommen. Wobei meiner Frau und mir immerhin noch das Privileg zusteht, Termin und Reiseziel zu bestimmen. Es soll Familien geben, wo auch das mittlerweile in fester Kinderhand ist.
Uns Eltern obliegt selbstverständlich das Packen der Koffer. Hier ist bereits die erste Klippe zu umschiffen: Denken sie an alle wichtigen Stofftiere oder Puppen! Wenn sie hier einen Fehler machen,  werden sie diesen zumindest für die Dauer der Reise bitter bereuen. Denn gegen die Dramen, die sich abspielen werden, wenn die Lieblingspuppe nicht dabei ist, sind die Qualen des Tantalus die reinste Wellnesstherapie.
Die zweite drohenden Falle: Haben sie genug zu Essen an Bord? Nach den ersten gefahrenen Metern kommt von hinten die unmissverständliche Ansage „ich habe Hunger!“. Gut, Frühstück ist erst zehn Minuten her, aber da mit hungernden Kindern nicht zu spaßen ist – es soll sogar schon zu kannibalischen Aktivitäten gekommen sein – empfiehlt es sich, kleine Snacks und gutmundende Schmankerl griffbereit zu haben. Süßigkeiten selbstredend auch. Und Trinken bitte nicht vergessen.
Sind alle wichtigen Utensilien dabei und ist das mit dem Essen geklärt, sind zumindest die Grundvoraussetzungen erfüllt, dass die ganze Sache nicht völlig in die Hose geht.
Jetzt brauchen sie nur noch ein dickes Fell, wenn es darum geht, die Auseinandersetzung der Geschwister zu überstehen, welche Kinder CD denn während der Fahrt gehört wird. Wenn sie der Fahrer sind, empfiehlt es sich, schon mal in einen tieferen Gang zurück zu schalten, damit der aufheulende Motor das Gezänk auf der Rückbank übertönt. Sind sie der Beifahrer – kaufen sie sich Ohrenstöpsel!
Wenn dann der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass sich die Jugend tatsächlich auf einen gemeinsamen Titel einigen kann (nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit liegt diese Möglichkeit im Promillebereich. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass Herbert Grönemeyer tatsächlich mal gesungen hat „Kinder an die Macht“. Nicht nur, dass sie diese heute tatsächlich haben, lässt mich diese Aussage an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln…) brauchen sie weiterhin ein dickes Fell. Denn dann müssen sie entweder irgendeine unsägliche Kindermucke ertragen – Rolf Zuchowski ist vermutlich der bei Eltern verhassteste Mensch der Welt – oder sie dürfen einem Kinderhörspiel lauschen. Da gibt es zugegebener weise  auch ganz schöne, gemäß Murphys law werden sich ihre Kinder aber für so was schreckliches wie „kleine Prinzessin“ entscheiden, bei dem eine kleine Göre permanent schrill „ich will aber!“ schreit. „Ich will aber“ ist heutzutage Programm und daher wird es die ganze Fahrt so weiter gehen. Sie werden sich damit abfinden müssen, dass keine Sau danach fragt, was sie eigentlich wollen. Also tragen sie es mit Fassung, halten sie am besten die Klappe und ziehen die Reise irgendwie durch. Diese wird vermutlich noch mal durch ungeplante Pinkelpausen unterbrochen, die garantiert dann eingefordert werden, wenn sie nach der geplanten Pause gerade wieder losgefahren sind. Voraussetzung ist natürlich, dass der Sprössling noch lang genug innehalten kann. Kommt auch nicht immer vor. Kotzattacken gehören natürlich auch zu einer richtigen Fahrt dazu. Wenn das Geschrei auf der Rückbank kurzfristig leiser wird, kann man davon ausgehen, dass es kurze Zeit später losgeht. Auch hier wird Murphy wieder voll reinschlagen, denn ihr Kind bricht hundertprozentig genau dahin, wo sie es nicht mehr richtig sauber kriegen. Und so können sie sich später abreagieren: Beim Auto putzen, wenn sie den Fondbereich vom Schlachtfeld der Keks und Minisalami Konsumierung, den Kotzattacken oder dem Pipi Malheur säubern. Also immer schön daran denken. Reisen dient der Horizonterweiterung.