Q wie Quasselstrippe

Nein, wir reden heute nicht über die Frauen, auch wenn das der Titel suggeriert… 😉
Wir reden heute über die glücklichen Kinder, die nach der harten Phase der Spracherlernung ihre neu erworbenen Fähigkeiten mit Begeisterung anwenden und jetzt, nachdem sie bis dato nur allerlei unverständliches Zeugs vor sich hin gebrabbelt haben, gerade Sätze sprechen und somit zu einer regelrechten Quasselstrippe mutieren können.
Die kindliche Quasselstrippe muss genau genommen in zwei Felder unterteilt werden:
Feld eins ist das einfache Reden ohne Unterlass. Da gewöhnt man sich dran. Wenn sie eine entsprechende Partnerin haben, sind sie ja schon geübt…
In dasselbe Feld fällt eine andere Ausprägung der Quasselstrippe und zwar die hohe Kunst, genau dann zu reden, wenn Schweigen angesagt ist. Hier unterscheidet sich die kindliche Quasselstrippe nicht sonderlich von der weiblichen Quasselstrippe… 😉
Doch während Frau den neuesten Nachbarschaftstratsch an den Mann bringen will, wenn gerade die Sportschau läuft, nutzen Kinder oft sehr viel effektvollere Momente, um sich in Szene zu setzen. Wenn während des Gottesdienstes in der Kirche in der Phase des stillen Gebets Sprüche wie „Wieso sagt denn hier keiner was?“ gerufen werden, gehört das noch zu den harmloseren Varianten. Gut hörbare, unvorteilhafte Bemerkungen über andere Gottesdienstbesucher liegen in der Peinlichkeitsskala für die Eltern definitiv weiter oben…
Ein weiteres schönes Beispiel über den unpassenden Redefluss von Kindern ist das Telefonieren. Die Bitte, mal ein paar Minuten ungestört zu bleiben, bleibt ungehört. Vermutlich gibt es ein kindliches Hormon oder ähnliches, das die mahnenden Worte nach dem Erreichen des Gehörganges einfach rausfiltert. Als Konsequenz haben sie also immer einen Dreikäsehoch, der dazwischen plappert, wenn sie es nicht brauchen können. Leider gibt es dagegen keine wirkungsvolle Handhabe. Es soll Eltern geben, die sich zum Telefonieren im Schrank versteckt haben. Aber auch dort wurden sie aufgespürt. Kinder sind bisweilen erbarmungslos…
Die Krönung kindlicher Quasselstrippen Attacken sind aber die Telefonate, wo sie nun wirklich kein Gequäke gebrauchen können. Beim Gespräch mit Tante Anna ist das ja vielleicht noch ganz süß, wenn sie den Chef oder einen wichtigen Kunden in der Leitung haben, hört der Spaß dann auf…
Während des Gesprächs macht unsereiner dann also diverse Verrenkungen, Grimassen, Beschwichtigungsgesten, hält den Finger vor den Mund und hüpft hektisch von einem Bein aufs andere, während der plappernde Zwerg belustig vor einem steht. Die Konsequenz ist nicht etwa, dass man beim nächsten Mal in Ruhe gelassen wird, die Konsequenz ist, dass der Mama später erzählt wird „der Papa tanzt ganz lustig beim Telefonieren…“
Und dann gibt es noch ein weiteres Quasselstrippen Feld: Kinder reden mit anderen – über sie!
Das war nicht immer so: In der guten alten Zeit war das Rollenverständnis unmissverständlich geklärt: Kinder hatten gefälligst die Klappe zu halten. Das war zwar langweilig, hat den Eltern aber zumindest die ein- oder andere peinliche Situation erspart. Wenn so ein kleiner Strolch sich dann doch mal getraut hat, aus dem Nähkästchen zu plaudern, kamen dann höchst interessante Dinge zu Tage. So oder so ähnlich muss wohl die weit verbreitete Erkenntnis „Kindermund tut Wahres kund!“ entstanden sein.
Heute brabbelt das junge Gemüse gefragt oder ungefragt einfach drauf los und nimmt es bisweilen mit der Wahrheit auch nicht ganz so genau. Die Mär vom  „Kindermund tut Wahres kund“! hält sich trotzdem seit Generationen wacker. Ich wage das ja zu bezweifeln, denn schon oft haben mich meine Kinder, sobald sie sprechen konnten, mit abenteuerlichen Geschichten in Sachen reingeritten, die sich niemals so zugetragen haben.
Es ist also Vorsicht geboten. Denn was in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden darf ist die Tatsache, dass die Artikulation unser kleinen Erdenbürger sehr oft in einem exzellenten Verhältnis mit deren Höreigenschaften steht. Kurz: Was die Bürschchen hören, geben sie leider oft ungefragt und am für die Eltern meist ungünstigsten Zeitpunkt wieder. Merken sie sich also, dass es mit der Geburt ihres Kindes nicht mehr lange dauert, bis ein Spion mit am Tisch sitzt, der geradezu danach giert, die gut gehüteten Familiengeheimnisse brühwarm in der Kita auszuplaudern. Erschwerend kommt, wie gesagt, hinzu, dass es oft genug nicht ganz wahrheitsgetreu ist, was die heitere Jugend ganz offensichtlich wenig juckt, ihnen aber diverse Scherereien bereiten wird…
Da wird aus einem ironischen „Wenn ich mal im Lotto gewinne, kaufe ich mir ein Haus auf Sylt“ ein „Papa hat im Lotto gewonnen und kauft uns ein Haus auf Sylt“. Sie werden Wochen brauchen, um diese Falschmeldung aus der Welt zu schaffen und der Postbote wird sie überdies hassen, weil er plötzlich tonnenweise Bittbriefe zu ihnen schleppen darf…
Überhaupt sind Geldthemen ziemlich kritisch im Beisein der Kinder. Wenn sie sich mit  ihrer Partnerin über Größenordnungen im Rahmen von 200 bis 300 Euro unterhalten, denken kleinere Kinder schon, sie sind Millionär. Also nicht wundern, wenn einem die Kitaleitung am nächsten Tag unaufgefordert den Prospekt mit dem Spendenvordruck in die Hand drückt…
In jedem Fall können sie davon ausgehen, dass die Erzieherinnen in der Kita bestens Bescheid wissen über die intimsten Familiendetails, über die ich an dieser Stelle selbstverständlich den Mantel des Schweigens lege. Aber man muss es diesem Berufsstand hoch anrechnen, dass bei den kargen Gehältern aus diesem Insiderwissen mittels Erpressung nicht Kapital geschlagen wird. Aber wenn sie in der Kita mal wieder besonders freundlich oder mittleidig angelächelt werden, sollten sie mal darüber nachdenken, worüber sie sich gestern so unterhalten oder was sie so gemacht haben…
Peinlich wird es aber erst richtig, wenn ihr Nachwuchs in ihrem Beisein und insbesondere dem von Fremden Sachen zum Besten gibt, die sie im nicht ganz so guten Licht dastehen lassen. Sind sie als Mann noch begeistert über Juniors tollen Schenkelklopfer, wenn der vor dem Nachbarn rauskräht „Mama kann nicht Autofahren!“, entgleitet ihnen mit Sicherheit das Gesicht, wenn sie Besuch haben und ihr Töchterchen plötzlich trocken raushaut „Papa pupst immer abends auf dem Sofa“!
Ja dann ist eine ordentliche Portion Schlagfertigkeit nötig, um halbwegs aus dem Schlamassel rauszukommen…
Auch kann es nicht schaden, sich als Besucher bei Familien mit Kindern auf solche Situationen einzustellen und schon mal den geübten demütigen Blick nach unten zu üben oder den schnellen Themenwechsel zu trainieren. Denn die morgens im Bad gelebte natürliche Nacktheit der Elternschaft kommt bisweilen als Bumerang zurück und so mancher Gastgeber fühlt sich dann geradezu entmannt, wenn die vierjährige Tochter trocken offenbart, „Papas Penis ist komisch, der ist so klein“…
Wenn ihnen so was passiert, brauchen sie entweder eine Zeitmaschine, die sie in die gute, alte Zeit zurück bringt, wo die Kinder noch brav und zurückhaltend und keine Quasselstrippen waren – oder die sichere Erkenntnis: Ja, Kinder bringen Freude! Das beste Rezept ist übrigens, herzhaft zu lachen. Und das werden sie. Versprochen!