N wie Nachtruhe

Wer kennt sie nicht, diese traurigen Gestalten, die mit blutunterlaufenen Augen saft- und kraftlos durch die Gegend schlurfen, auf die besorgte Nachfrage ein mattes „Es ist alles toll“ hauchen, um sich anschließend zwei Streichhölzer zwischen die Augen zu klemmen, um wenigsten ein bisschen den Eindruck zu erwecken, man wäre wach…
Bei dieser Spezies handelt es sich in aller Wahrscheinlichkeit um einen vor kurzem Vater gewordenen Mann. Frauen bringen in derselben Situation übrigens meistens ein erheblich höheres Maß an Selbstdisziplin mit, aber das nur am Rande. In Wehleidigkeit macht uns Männern halt keiner was vor…
Kommen wir zum Punkt: Sollten sie zu den glücklichen Menschen gehören, die bald Vater werden, sollten sie sich fairerweise auch mal kurz mit dem Thema „Nachtruhe“ befassen. Diejenigen, die bereits Vater sind, haben es erzwungenermaßen bereits getan…
Es soll ja Kinder geben, die nachts durchschlafen – das behaupten zumindest die Eltern. Aber Eltern behaupten ja auch, dass ihre Kinder immer lieb und nett sind – und meistens stellt sich dann heraus, es sind bisweilen genauso kleine Monster wie die eigene Brut. Also eine gewisse Skepsis ist in jedem Fall angebracht.
Fakt ist, wenn sie Vater werden, können sie das mit der Nachtruhe vermutlich für die nächste Zeit vergessen. Babys sind Egoisten. Sie schreien rücksichtslos rum, wenn sie was wollen – und sie wollen permanent was. Entweder futtern – da sind sie als Vater während der Stillzeit fein raus. Wenn ihre Partnerin zu den Rabenmüttern gehört, die aus völlig egoistischen Gründen auf das Brust geben verzichtet und sie in die Verantwortung des Flasche gebens mit einbeziehen will, müssen sie aber schon früher in den sauren Apfel beißen – oder sollten über Scheidung nachdenken.
Und wenn der kleine Fresssack dann endlich mal satt ist, sitzt garantiert irgendein Pubs quer und das Bürschchen plärrt schon wieder rum. Da können sie sich jetzt schlecht rausreden. Während Mutter also durch das permanente Andocken ermattet dahinsinkt, natürlich nicht ohne ihnen den Schreihals vorher in die Hand zu drücken, versuchen sie zur nächtlichen Stunde den Nachwuchs wieder zur Ruhe zu bringen. Ich will ihnen keine Angst machen aber das kann unter Umständen dauern. Denn so ein Kind ist anspruchsvoll: Mit ein bisschen Kuscheln ist es da nicht getan. Da gibt es ganz exakte Anforderungen, die entsprechend genau umgesetzt werden müssen. Bei meinem Sohn war alles inakzeptabel bis auf eines: Durch die Wohnung getragen werden. Und das im zwei Stunden Rhythmus. Schlappe 14 Monate lang. Heißt das Kapitel wirklich „Nachtruhe“?  Die gab es nicht mehr. Man sollte das Kapitel besser „Schlafentzug“ nennen…
Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Mittel- bis langfristig wird es besser. Irgendwann müssen die Kinder nachts nicht mehr gefüttert werden und auch der Verdauungstrakt nimmt seine geregelte Arbeit auf. Dieser Segen der Weiterentwicklung wird dadurch getrübt, dass die Kinder laufen lernen. Denn mit steigender Mobilität kommen die Kinder dummerweise auf die Idee, nächtens auf Wanderung zu gehen. Ziel der Ausflüge aus dem kuscheligen Kinderbett ist mit 100 Prozentiger Sicherheit das noch kuscheligere Elternbett. Dank unkonventioneller Schlafmethoden der jüngsten Generation ist es dann mit ziemlicher Sicherheit schon wieder um ihre Nachtruhe geschehen. Man glaubt ja gar nicht, wie es eine so kleine Portion Mensch schafft, so viel Platz im Ehebett zu okkupieren, dass an geregelten Schlaf der Eltern nicht mehr zu denken ist. Zum einen liegen die Bürschchen grundsätzlich quer und zum anderen entwickeln sie eine schwunghafte Mobilität, die sich im permanenten hin- und her werfen äußert. Auch hier gilt wieder: Könnte man die dabei freiwerden Energie irgendwie gewinnen, wir müssten uns um die Energiewende keine Sorgen mehr machen.
Auch diese Zeit wird vorbei gehen. Bevor sie sich als vor Schlafentzug als körperliches Wrack freiwillig einweisen lassen, weil das permanente Schlafen auf dem Bettrahmen sie an ihre körperlichen und mentalen Grenzen bringt , zieht sich ihr Nachwuchs dann irgendwann doch mal zurück und wird die überwiegende Zeit im eigenen Bett verbringen. Er wird gelegentlich noch mal auftauchen, wenn die Träume schlecht waren, wenn er krank ist oder wenn sie sich mal ganz besonders auf eine Nacht mit ihrer Frau freuen…
Und dann gibt es noch einen ganz speziellen Tag im Jahr. Da brauchen sie eigentlich gar nicht erst ins Bett zu gehen: Geburtstag! So ab ein Uhr nachts steht da garantiert stündlich ein Kind am Bett und fragt, wann es endlich aufstehen und seine Geschenke auspacken darf…
Und die Moral von der Geschicht? Wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie das alles ertragen können (Sie können!), aber nicht auf Kinder verzichten möchten (natürlich nicht!): werden sie doch einfach Nachtwächter!