L wie Liedgut

Sie sind gerade Vater geworden? Der neue Erdenbürger brabbelt noch unverständliches Zeugs vor sich her? Sie stellen sich bereits jetzt vor, wenn ihr Kind zum ersten Mal „Papa“ sagt? Und ihre Phantasie geht noch viel weiter und sie stellen sich vor, wie sie gemeinsam mit ihrem Kind kommunizieren, sie sich gegenseitig Geschichten erzählen und gemeinsam Kinderlieder singen?
Ja, das alles wird wahr! Sie sind ein glücklicher Mensch!
Allerdings – und das ist die kleine Einschränkung – auch ihr Kind hat Phantasie. Manchmal mehr, als einem lieb ist. Ganz sicher wird es eine Phase geben, in der ihr Kind so ziemlich alles Gesagte mit liebevollen Zugaben wie „Kaka“, „Pippi“ oder „Pups“ ergänzt. Das Ganze garniert mit schallendem Gelächter. Geben sie sich keine Mühe, es ihrem Spross auszutreiben. Hoffnungslos. Freuen sie sich lieber, dass die Jugend so gute Laune hat. Es kommen später noch ganz andere Zeiten, da werden sie sich wahrscheinlich nach „Kaka“, „Pippi“ und „Pups“ zurücksehnen…
Insbesondere beim Singen zeigt sich die durchaus vorhandene, wenn auch manchmal etwas verborgene Kreativität des Nachwuchs. Das deutsche Liedgut ist schön. Bisweilen fehlt allerdings der Pep – wie gut, dass unsere Sprösslinge da Abhilfe schaffen. Das damit gelegentlich eine gewisse Sinnentfremdung  einhergeht – geschenkt. Muss man in Zeiten, wo sich die Jugend von klein auf an hinter irgendwelchen Nintendos oder Smartphones versteckt, nicht froh sein, wenn unsere Lieblinge überhaupt singen?
Da fällt es dann auch nicht so ins Gewicht, wenn der Junior beim Geburtstagsanruf für Tante Anna nicht das normale „Happy Birthday“ zum Besten gibt sondern ungefragt die leicht abgewandelte „Essens“-Version kräht:
„Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose, und `ne Bratwurts dazu.“ Sofern sie nicht Vegetarierin ist wird Tante Anna begeistert sein!
Kinder brauchen Vorbilder. Ganz offensichtlich greifen sie dabei aber nicht auf das zurück, was ihnen die Erwachsenenwelt huldvoll anbietet sondern stricken sich die nach eigenem Gusto, wie die völlig sinnentfremdete Version von „St. Martin“ zeigt, die in Kitas oftmals zu vernehmen ist.

„Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat. Sein Ross steht still beim Cola Automat. Sankt Martin wirft `ne Münze rein, und trinkt die Cola wie ein Schwein!
Im Schnee saß, Im Schnee saß, Im Schnee da saß ein reicher Mann, hat Kleider an wie Supermann.
‚Oh, helft mir doch, in meiner Not, und ich schmier dir ein Nutellabrot!‘

Geht es auf Weihnachten zu – wohlgemerkt dem Fest der Liebe – werden die Texte handfester, so als hätten unsere Kleinen ein untrügliches Gespür dafür, wie man sich bestmöglich daneben benehmen kann.  „Oh Tannenbaum“  in der Kinder-Version ist da ein schönes Beispiel. Es kommt besonders gut, wenn man gemeinsam mit den Großeltern feiert.  Neben der Tanne ist allerdings auch Oma grün vor Schreck, wenn sie hört, was mit ihrem Gatten passiert:

„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Opa hängt am Gartenzaun, die Oma ruft die Feuerwehr, die Feuerwehr kommt nackig her“…

Und wenn sie auf friedliche und beschauliche Weihnachten stehen, sollten sie den Gassenhauer „in der Weihnachtsbäckerei“ tunlichst meiden. Denn offensichtlich fehlt es den Kindern auch hier an ausreichender Action: Hier noch einmal der Originaltext:

„In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Kleckerei, zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Kleckerei, in der Weihnachtsbäckerei.“

Und das machen die lieben Kleinen daraus:

„In der Weihnachtsbäckerei, gibt es manche Schlägerei, zwischen Mehl und Brot liegt der Bäcker tot, eine riesengroße Schweinerei, in der Weihnachtsbäckerei“.

Nach einem ersten Schreck fällt mir hierzu nur ein, dass Musik machen und insbesondere das Singen Menschen stark macht. Das suggeriert zumindest ein Plakat in der hiesigen Musikschule. Da heißt es dann, dass das Singen die Persönlichkeit stärkt. Das macht mir Hoffnung. Und auch, wenn man sich fragt, was da wohl gefrühstückt wurde, wenn den Kindern solch sinnfreien Liedtexte einfallen, macht einem als Vater insbesondere die vollmundig Aussage der Musikschulprofis Mut, die da gut sichtbar aushängt: „Menschen, die Musik machen, brauchen keine Drogen!“ Über eine kleine Ergänzung – handschriftlich und in Krakelschrift, muss ich dann doch schmunzeln. Da steht: „Stimmt! Zum Beispiel Joe Cocker, Amy Winehouse, David Bowie, die Stones…“