K wie Kindergeburtstag

Die brennenden Kerzen, die  auf dem kleinen Tischchen stehen, erhellen den Raum. Neben einem Kuchen stehen eine Packung Playmobil, ein Spielzeugauto, ein Brettspiel und ein Tippkick-Spieler. Dann noch eine Süßigkeit. Strahlende Kinderaugen, die glücklich die Geschenke bestaunen. Und nachmittags kommen ein paar Freunde und sie spielen „Reise nach Jerusalem…“
HALLO? AUFWACHEN! Hören sie auf, verklärt an ihre eigenen Kindergeburtstage zu denken. Heute ist Kindergeburtstag Großkampftag. Mit ein paar lausigen Spielzeugartikeln kann man in der heutigen Zeit vermutlich kein Kind mehr hinter dem Ofen hervorholen. Marke ist angesagt: Barbie, Schleich oder Lego. Und kommen sie nicht mit irgendeiner kleinen Packung ums Eck, es darf dann schon mal ein gescheites, sprich ziemlich großes sein. Gut, so ein Lego Star Wars Raumschiff  oder die Barbie Traumbude reißt  da schon mal ein kleines Loch in die Haushaltskasse, aber sie möchten doch, dass Ihr Nachwuchs glücklich ist, oder? Wenn sie also wirklich wollen, dass Ihre Kinder Tränen der Rührung in den Augen haben, wenn sie vor dem Geschenketisch stehen, dann sollten sie sich nicht lumpen lassen und deren Wünschen entsprechend handeln. Die Jugend von heute ist allerdings ein klitzekleines bisschen materialistischer als sie es früher waren. Spätestens wenn der Nachwuchs den Zweitwortsatz „will haben“ halbwegs fehlerfrei über die Lippen bringt sollten sie nicht verwundert sein, wenn ihnen ebenfalls die Tränen in den Augen stehen – und zwar, wenn sie anschließend einen Blick auf ihren Kontostand werfen.
Noch viel mehr stressen wird sie allerdings die zugehörige Feier. Es fängt erfreulicherweise ganz gemütlich an: Im zarten Baby- und Kleinkindalter haben diese noch den Charakter von einem netten Kaffeetrinken mit Oma & Opa und Freunden. Lassen sie sich davon nicht in Sicherheit wiegen: Mit zunehmenden Alter des Kindes wird es ein kleinwenig anstrengender und als moderner Mann können sie sich da nicht mehr so einfach drücken, so wie das ihr Vater noch bei ihren Geburtstagsfeiern gemacht hat. Statt geruhsamen Büronachmittag wird ihre Holde von ihnen erwarten, dass sie sich mit ihr ins Getümmel stürzen. Daraus ergeben sich ganz neue Erfahrungen: Für den zu opfernden Urlaubstag bekommen sie beispielsweise das Gefühl totaler Erschöpfung. Das liegt nicht nur daran, dass sie, nachdem sie eine Horde wild gewordener Kinder einen Nachmittag lang vergeblich versucht haben, in Schach zu halten, abends mit Sicherheit ihren mental und körperlich ausgelutschten Körper nicht mehr spüren. Nein, schon im Vorfeld verlangt ihnen ein Kindergeburtstag alles ab, wenn es darum geht, was man den lieben Kleinen alles bieten muss, damit diese auch glücklich und zufrieden nach Hause gehen. Hier ist die Elternschaft an der rasanten Entwicklung allerdings nicht ganz schuldlos. Wenn Sie heute der erwartungsfrohen Kinderschar mit Topfschlagen oder „Reise nach Jerusalem“ kommen, dann werden sie von den degenerierten Bürschchen vermutlich die Mundwinkel in Angela Merkelscher Ausprägung gezeigt bekommen oder im Worstcase vermutlich aus ihrer eigenen Wohnung gemobbt. Aus heutiger Sicht hat dieses Spiel höchstens Regionalligaformat. Gewünscht wird aber Championsleague. Denn heute feiert man keine Kindergeburtstage mehr, man feiert Events. Genau genommen liefern sich die Eltern einen regelrechter Event Wettkampf um den coolsten Geburtstag. Dabei muss man mit der Mode gehen: Die eigene Hüpfburg für 20+X Kinder im Garten oder vor dem Haus geht tierisch ins Geld, ist aber glücklicherweise heute schon wieder out. Ebenfalls auf dem Rückzug: Direkt die ganze Kitagruppe oder Klasse einladen. Es ist umstritten, ob es sich aus Materialschutz – ganze Tische sollen unter der Geschenkelast zusammengebrochen sein – oder eher sozialen Gründen – man lädt lieber nur die hippen Kinder ein – nicht durchgesetzt hat. En Vogue ist heute vielmehr der gebuchte Event: „Hinter den Kulissen im Zoo“, „Die Stadionführung beim Lieblingsverein“, „Ein Tag auf dem Bauernhof“, „Nähkurs zum Nähen von Lieblingskleidern“, Freizeitparkbesuche… Es gibt ganze Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Kindergeburtstage durchzuorganisieren. Zur Zeit ganz Trendy, der Fußballeuropameisterschafft sei Dank: Der Themengeburtstag „Frankreich“: Mit Baguette-Weitwerfen, Modenschau, Flagge puzzeln und Käse-Wettessen usw… Die Themen wechseln saisonal: Vor zwei Jahren war „Brasilien“ in. Damals mit Regenwald-Labyrinth, Bananen stapeln und dem zur Freude der Nachbarn vor der Tür aufgeschütteten Beach-Soccer Platz…
Das kostet zwar alles ein Schweinegeld, dafür muss man sich keinen Kopf mehr machen. Man bucht das rundrum sorglos Paket: Animation und  Verpflegung alles schon drin. Dass sie den armen Eltern-Würstchen, die sich bemühen, ohne professionelle Unterstützung einen schönen Geburtstag auf die Beine zu stellen, das Leben damit schwer machen, geschenkt. Denn mit jedem Highlight steigt die Erwartungshaltung der süßen kleinen. Und da kann es schon mal frustran sein, wenn sie ihre mühsam erarbeitetet Schatzsuche – das ist heutzutage das mindeste, was sie anbieten müssen, ansonsten ist ihr Kind in Kita oder Klasse unten durch – vor versammelter Mannschaft vorstellen und ihnen ein genervtes „voll langweilig“ entgegenschallt. Damit der Geburtstag für alle ein Erfolgt wird, gilt es daher, drei wesentliche Regeln einzuhalten:
1. Vergewissern sie sich, was die anderen machen: Das ist ihre Messlatte. Und sie müssen ihre höher legen. Dass kann zwar teuer werden aber im umgekehrten Fall müssen sie die Enttäuschung ihres Kindes mit kostspieligen Geschenken wieder ausgleichen. Das kann sie unter Umständen noch heftiger treffen…
2. Steigern sie sich von Jahr zu Jahr. Ein kleines Beispiel: Nachdem der Feuerwehrgeburtstag zum 5. Geburtstag mit Löschübungen in der Wohnung auskam, kam beim Feuerwehrgeburtstag zum 6. Geburtstag ein echtes Feuerwehrauto zum Einsatz, dass die Geburtstagsgesellschaft zum Einsatzort fuhr. Die Eltern arbeiten vermutlich bereits jetzt fieberhaft daran, das Löschflugzeug für den 7. Geburtstag zu organisieren. Sollten sich danach keine Steigerungsmöglichkeiten mehr ergeben, empfiehlt es sich, mal das Geburtstagsfeier-Thema zu wechseln…
3. Tütchen nicht vergessen. Damit ist jetzt nicht ihr Hanf Konsum nach dem abgearbeiteten Geburtstagsprogramm gemeint, der sie mental wieder in selige jugendliche Revoluzzerzeiten zurückbeamen würde, sondern viel mehr die kleinen Abschiedsgeschenke, die jedes Kind beim Verabschieden bekommt. Bedenken sie, manche Kinder kommen überhaupt nur wegen der Tütchen. Also überlassen sie auch hier nichts dem Zufall, das Glück ihres Kindes könnte daran hängen. Auch hier empfiehlt es sich also, auf Qualität zu setzen: Coole Kleinigkeiten, z.B. Playmobil- oder Legomännchen bleiben besser in Erinnerung als der Pfennigramsch, der nach wenigen Minuten unbeachtet in der Ecke liegt. Und vergessen sie nicht ein paar leckere Süßigkeiten. Dann wird ihr Nachwuchs später auf dem Schulhof auch nicht gemobbt…
Wenn sie diese Grundregeln beherzigen, steht einem erfolgreichen Kindergeburtstag nichts im Wege. Und sie werden sehen, wenn der Tag rum ist und sie geschafft auf dem Sofa chillen werden auch sie wieder strahlen wie damals, als sie als Kind vor ihrem Geburtstagstisch standen…