J wie Jammern

Wir waren schon Papst, sind Exportweltmeister, weltweit sind 80 Prozent der Steuerlektüre in Deutsch verfasst, wir sind derzeit Fußballweltmeister…
Das ist ja alles schön und gut, aber wenn es eine Sache gibt, in der wir in Deutschland geradezu unschlagbar sind, gewissermaßen Weltmeister auf Lebenszeit, dann ist es ja wohl das Jammern und Nölen.
Um in der Weltspitze an vorderster Front mitwirken zu können ist wie in allen Disziplinen eine Sache zwingend erforderlich: hartes Training von frühester Jugend an! In dieser Sache geht unser Nachwuchs keinerlei Kompromisse ein. Schon zum frühesten Zeitpunkt, wenn selbst das geneigte Ohr der Elternschaft die Artikulation der Wonneproppen nur als Blubbern und Grunzen wahrnehmen kann, ist schon der leicht genervte, auf Dauer leider nervtötende Unterton nicht zu überhören, wenn es aus Sicht des Sprösslings nicht so läuft wie gewünscht…
Nun muss man Babys zugute halten, dass sie halt nicht mal eben sagen können, wenn sie was brauchen oder wollen und so ist es auch völlig richtig und nachvollziehbar, dass sie sich als liebevolle Eltern um die Bedürfnisse ihres Schutzbefohlenen kümmern.
Die Sache hat natürlich einen Haken: Je mehr sie auf das Gejammer eingehen, desto mehr verfestigt sich beim Kind der Eindruck, dass dies ein erfolgreiches Mittel zum Erfolg ist, die eigenen Vorstellungen durchzudrücken. Das kann auch dann noch sehr erfolgreich eingesetzt werden, wenn man die Phase des hilflosen Würmchens schon längst durchschritten hat. Ich brauche nicht zu betonen, dass auch Phonstärke und Nervgrad mit zunehmenden Alter perfektioniert werden…
Zugegebenerweise: Da waren wir früher ja auch schon gut dabei: Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich um die Spielsachen aus dem Quelle Katalog gebettelt habe – leider waren die für mich so unerreichbar wie der Yeti für Reinhold Messner. Also, auch unsere Generation hat es da schon auf ein beachtliches Niveau gebracht.
Die nachkommende Generation scheint das aber noch zu toppen: Und daher wird fleißig weiter gejammert und genöhlt, bei allen möglichen Gelegenheiten. Besonders gerne beim Essen: Wenn das Essen nicht schmeckt, wenn das Essen angeblich zu heiß ist, wenn das Essen angeblich zu kalt ist, wenn es angeblich komisch aussieht, wenn es angeblich nicht auf dem richtigen Teller ist, und so weiter, und so weiter… Der Grund ist also quasi egal. Die Konsequenz dagegen ist vielschichtig: Sie reicht vom winselnden Jaumern im Hochfrequenzbereich bis zu theatralischen, entrüsteten, verbalen Ausfallerscheinungen, zum Höhepunkt gerne auch schon mal schreiend dargebracht…
Gewissermaßen ein Trainingslager für angehenden Mega-Jammerlappen ist der Einkauf im Supermarkt. Wer kennt sie nicht, die Heulbojen im Schlepptau genervter Eltern, die wegen Überraschungsei, Gummibärchen oder Playmobil schon ahnungslose Mitbürger panikartig aus dem Geschäft getrieben haben, da diese der Meinung waren, die Brandmeldeanlage hätte angeschlagen…
Sind die Kommerzgelüste der Jugend noch relativ leicht als völlig überflüssig zu identifizieren, so ist es bei körperlichen Gebrechen deutlich schwieriger, heraus zu finden,  ob ein ernsthafter Grund vorliegt. Denn das Fiese an dieser Methode ist, sie wird natürlich völlig willkürlich eingesetzt und es bedarf somit einiger Erfahrung, um heraus zu bekommen, ob ein tatsächlicher, berechtigter Grund für das Jammern vorliegt oder ob die Jugend mal einfach keinen Bock hat…
Eine kleine Anekdote als Beispiel:
Als ich meine jüngste Tochter letztens in der Kita abholte, wurde ich dort stürmisch und voller Energie begrüßt. Ich brauchte eine Zeit, bis ich Madame soweit hatte, sie auch mit nach Hause zu nehmen, schließlich musste sie erst noch ein bisschen mit anderen Kindern herumtoben.
Bestens gelaunt verließen wir die Kita – bis sie nach ein paar Metern auf dem Parkplatz plötzlich stehen blieb und sich vergeblich nach unserem Auto umsah.
Sie: „Wo ist denn das Auto?“
Ich: „Ich bin zu Fuß hier“
Sie: „Wie, zu Fuß?“
Ich: „Wir müssen laufen!“
Schweigen. Danach verfinsterte sich ihr Blick, nahm plötzlich traumatisiert Züge an und ich bekam im jaumerhaften Ton zu hören: „Ich kann nicht laufen, ich bin müde, meine Beine tun weh, du sollst mich tragen!“
Das half nix, denn ich hatte ja wirklich kein Auto und aufgrund eines gesunden Misstrauens kam Tragen auch nicht in Frage. Somit schlurfte Madame gezwungenermaßen und missmutig mit mir von dannen, besser, ich zog das liebe Töchterlein im Stil einer Lokomotive durch die Gegend, als „Gegenleistung“ gab es von ihr in Dauerschleife im herzerweichenden Ton ein „ich kann nicht laufen, ich bin müde, meine Beine tun weh, du sollst mich tragen!“
Die uns entgegen kommenden Mitmenschen mit ihren vorwurfsvollen Blicken hätte ich am liebsten angeblafft: „Nein, sie hat kein zweiwöchiges Survivalcamp im Himalaya hinter sich, sie hat nur keine Lust zu laufen!“ Stattdessen habe ich Rabenvater mich vergeblich nach einem Geschäft umgesehen, wo man Ohrenstöpsel kaufen kann…
Nach der Hälfte der Strecke – erstaunlicherweise als es über Treppen steil bergauf ging – riss sich meine Fußkranke plötzlich los, stürmte die Treppe rauf, kletterte auf eine Mauer, sprang auf einen Laternenpfahl, rutschet begeistert runter, rannte die Treppe wieder hinunter, kletterte die Mauer wieder hoch, sprang und rutschte wieder und wiederholte das Ganze ein paar Mal.
Und was passierte unglaubliches, als ich endlich weiter gehen wollte: Mit tränenerstickter Stimme kam – na was wohl? „Ich kann nicht laufen, ich bin müde, meine Beine tun weh, du sollst mich tragen!“
Und so zuckelten wir also jammernd nach Hause, wo sie sich dann bestens gelaunt an ihrer Turnstange vergnügte…
Was lernen wir daraus? Zwei Dinge: Konsequent bleiben – und immer Ohrenstöpsel dabei haben…