I wie Igitt oder: Wie sauber sind eigentlich Kinder?

Vor langer, langer Zeit – zu meinen Jugendzeiten (ja, die gab es wirklich mal…) kann ich mich an eine Episode der „Schwarzwaldklinik“ erinnern, in der eine Geburt gezeigt wurde: Die werdende Mutter hechelte ein bisschen rum und kurze Zeit später erschien ein wie aus dem Ei gepelltes, schweinchenrosanes Baby, welches den jungen Eltern, kaum hatte es das Licht der Welt erblickt, mit bereits trockenen und gekämmten Haaren in die Arme gedrückt wurde. Im wahrsten Sinne eine „saubere“ Sache…
Wenn Sie noch nicht das Vergnügen hatten, Vater zu werden, sind sie womöglich auch den Medien auf den Leim gegangen, die es damals wie heute da nicht immer so ganz genau nehmen und sie glauben lassen wollen, dass Kinder mit der Wahl des richtigen Hygieneprodukts eine „saubere Sache“ sind. Genau genommen verhält es sich hier wie mit dem Weihnachtsmann. Jung und naiv glaubt man dran, mit wachsender Erfahrung kommen dann leise Zweifel und irgendwann hat man alles durchschaut und weiß, dass es ein schönes Hirngespinst ist…
Wenn Sie bereits Kinder haben oder näher kennen, wissen sie, dass das mit der Sauberkeit natürlich totaler Blödsinn ist. Denn um eines klarzustellen: Kinder sind nicht sauber! Und wo sie sind, ist es das übrigens auch nicht… Und weil das der Liebe zu ihnen keinen Abbruch tut, kann man ja auch mal drüber reden…
Daher räumen wir hier mal gnadenlos mit dieser Mär auf und bringen ein paar Fakten:
Natürlich sind Babys nach der Geburt schön sauber und zartrosa – allerdings muss man erst mal Schrubben, bis man das Schweinchenrosa auch freigelegt bekommt… Und dass ein Kreissaal nach der ein- oder anderen Geburt ausschaut wie nach einem Gemetzel passt auch nicht gerade in das Bild von Sauberkeitsfanatikern.
Kaum hat der Frischling bei Muttern angedockt, beginnt die „Bäuerchen-Phase“. Sollten sie nicht von Anfang an vorsorgen und ihren Schulterbereich mit einem Tuch abdecken, werden sie spätestens nach dem ersten „Malheur“ darauf kommen, das dieses eine gute Idee wäre, denn in den seltensten Fällen bleibt alles drin, was Baby gierig an der Mutterbrust abgegriffen hat. Es sei denn, sie stehen drauf, wenn sich ein warmer, leicht vorverdauter, weisslicher Schlabber-Schleim mit fein süsslicher Note in ihren Hemdkragen ergießt… Für die ganz Harten noch ein Geheimtipp: Riecht angetrocknet wirklich ausgesprochen lecker…
Allen Werbeversprechungen zum Trotz kann selbst die beste Windel nicht verhindern, dass das menschliche Bedürfnis sehr groß ausfallen kann und bisweilen nicht mehr im gesunden Verhältnis zur Körpergröße des/der Betroffenen steht. Kurz: Wenn ihr Nachwuchs mit starren, aufgerissen, quasi pressenden Augen im Kinderwagen liegt und sich die goldenen Löckchen plötzlich braun färben, weil alles aus dem Body quillt, könnte es angebracht sein, nicht nur die Windel sondern die komplette Kleidung zu wechseln. Baden kann dann im Übrigen auch nicht schaden…
Und auch bei allzu menschlichen Ausdünstungen brauchen sie ein dickes Fell, denn ihre Geruchsknospen werden da bisweilen auf eine harte Probe gestellt. Wenn sie Pech haben, bekommen sogar sie selbst dann dafür noch ihr Fett weg, denn im Supermarkt glaubt ihnen ja keine Sau, dass dieser bestialische Gestank von einem derart huldvollen, süßen Wesen kommt. Strafende, angewiderte Blicke werden ihnen sicher sein…
Spätestens mit dem Beginn der Aufnahme von halbwegs fester Kost durch den jungen Erdenbürger sollten sie darüber nachdenken, ihre Ekelgrenze zu senken. Denn dann wird der angematschte, weichgelutschte und somit leicht schleimige Keks oder Zwieback der beste Freund ihres Kindes. Das ist kein Augenschmaus. Im garantiert unpassenden Moment will dieses den aber plötzlich nicht mehr essen. Ein Mülleimer ist mit Sicherheit nicht zu finden, Umweltsünder wollen sie auch nicht sein, einfach wegschmeißen geht also nicht. Preisfrage: Wo geht der Schleimi-Keks hin? Richtig! Man selbst erbarmt sich. Also selber essen. Sollten Sie ein C-Promi sein, die perfekte Vorbereitung auf das Dschungelcamp… Zugegeben, es ist noch Luft nach oben auf der Genußskala, aber man wird pragmatisch, wenn man kleine Kinder hat…
Mit diesem Pragmatismus nimmt man auch andere Verwendungszwecke des Schleim-Kekses gelassen zur Kenntnis. Die Zwieback Patina zum Beispiel: breiig verteilt entwickelt er mit zunehmender Trocknung eine wunderbare Schutzschicht auf ihrem Tisch, die sie kaum noch runter bekommen. Werten sie es als Beitrag der jüngsten Generation zum Werterhalt des Familieneigentums und erinnern sie sich wohlwollend daran, wenn die Zöglinge später beim verzweifelten Versuch, mit Messer und Gabel zu essen, denselben Esstisch in Mitleidenschaft ziehen…
Mit dem Eintritt ins lauffähige Alter geben sich viele Eltern der Illusion hin, dass man mit den Kindern über Hygiene reden kann. Tun sie das, dann haben sie wenigstens ein Gewissen, das rein ist, was man von den Fingernägeln ihrer Kinder oder bestenfalls der ganzen Hand, die in den schönsten Schwarztönen prangen, sicherlich nicht immer behaupten kann. Hände waschen sehen viele Kinder eben als Zeitverschwendung an. Zeitverschwendung ist für Kinder auch gerne mal, die Schuhe auszuziehen, wenn sie von oben bis unten zugeschlammt aus dem Matschloch im Garten in die gerade erst hochglanzpolierte Wohnung kommen. Statt selbst die Contenance zu verlieren sollten sie in diesem Fall lieber wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass sie diesmal nicht für die hysterischen Schreiattacken ihrer Frau verantwortlich sind.
Sie werden pragmatisch, ihre künftigen Erben sind es schon: Wenn sie ihre Kinder wegen der ständig laufenden Rotznase zum Nase putzen animieren, löst der Nachwuchs das Problem mit einem herzhaften „Kuschler“ mit ihnen, danach kommt ein trockenes „ist jetzt sauber“ und sie dürfen anschließend sehen, wie sie den Schmodder vom Pulli kriegen…
Als Horizonterweiterung sollten sie auch die Schimmelkulturen in den Kinderzimmern sehen, die sich aus dem mit ins Kinderzimmer genommenen Essen entwickeln. Unglaublich, dass Tomaten auch schwarz sein können. Und so ein Apfel-Streuselkuchen entwickelt erst nach einer angemessen Lagerfrist bei Zimmertemperatur ein wirklich ansehnliches Farbspektrum von gelb über blau bis dunkelbraun… Das sieht zumindest schöner aus als wenn die Fruchtschicht des Obstkuchens fachmännisch abgeleckt wird, wie es auch mal gerne vom Genußkind praktiziert wird. Zurück bleibt dann ein undefinierbares Etwas, was vorher mal der Teig war und ein total verschmiertes, grinsendes Kindergesicht, was die Ästheten unter uns in panikartige Zustände versetzen kann. Es soll schon findige Erfinder geben, die aufstellbare Pappwände für Esstische am Markt platziert haben, damit den Eltern beim Betrachten der Tischmanieren ihrer Kinder nicht schlecht wird…
Also, Kinder sind nicht sauber, wollen es offensichtlich nicht sein, und ob es ihnen passt oder nicht, sie werden damit leben können. Gewinnen sie dem Dreck und der mangelnden Hygiene eher die positiven Dinge ab: Seien sie begeistert, wenn die Kinder bei der ersten Klassenfahrt den Koffer quasi unausgepackt wieder nach Hause bringen und eine Woche dieselben Klamotten anhatten – das spart ihnen eine Wäsche. Und seien sie sicher, nichts hält ewig, auch die „Schmuddelphase“ nicht: Spätestens mit der Pubertät stehen die Bürschchen dann jeden Tag eine Stunde unter der Dusche…