F wie Fahrradfahren

Das Thema Sport wird bei Eltern groß geschrieben. Genau gesagt befinden sie sich mit der Geburt des Kindes im Marathon-Modus. Böse Zungen sagen auch im Hamsterrad. Nennen sie es, wie sie wollen – faktisch gesehen gibt es für sie als treusorgende Eltern nur zwei Alternativen: Entweder sie fressen sich aufgrund des eintretenden Terminstress fett oder er hält sie so auf Trab, dass sie über die Mens Health Diät nur noch müde lächeln können. Denn den wahren Sport machen sie, wenn es darum geht, ihrem Nachwuchs die körperliche Ertüchtigung nahe zu bringen. Terminliche Opfer sind bei Mannschaftssportarten zu bringen, wo die Spiele zumeist am Wochenende sind. Freuen sie sich, an der frischen Luft zu sein, wenn sie ihren Sprössling Sontags um 9:00 Uhr auf den Fußballplatz begleiten. Falls sie davon genervt sind: Freuen sie sich, sie sind nicht alleine. Anderen geht es ähnlich. Tröstlich. Zum Frustabbau dienen die Eltern und der Trainer der anderen Mannschaft. Es reicht ja, wenn Fairplay auf dem Rasen stattfindet…
Bei Mutterdominierten Veranstaltungen gilt es für sie als Vater, erst einmal Vorurteile abzubauen bzw. nicht zu bestätigen. Als ich meine Tochter mal zum Ballett brachte – natürlich wieder mal auf den letzten Drücker – und dann auch noch ihren Haargummi vergessen hatte, musterte mich die Kursleiterin von oben nach unten und gab dann ein fast abfälliges „ach so, der Vater“ von sich. Daher gilt hier, sich entsprechend vorzubereiten um bei der holden Weiblichkeit nicht frühzeitig als Volldepp abgestempelt zu werden.
Zurück zum Sport: Mobilität ist in der heutigen Zeit eines der wichtigsten Themen. Und sie ist eng mit dem Thema Motorik verbunden, was Eltern, die sich auf der Höhe der Zeit wähnen, aufhorchen lässt. Denn um es auf den Punkt zu bringen: Motorik gut, alles gut! Wenn dein Kind motorisch fit ist, dann kommt alles andere quasi von alleine und dem erfolgreichen Weg hin zum Superkind steht nichts mehr im Wege. Das ist dann der Grund, warum bemitleidenswerte Säuglinge bereits in Gehhilfen gesteckt werden, damit sie am besten schon mit sechs Monaten laufen können. Und wer kennt sie nicht, die verzweifelten einjährigen, die sich auf den Bürgersteigen mit Laufrädern rumquälen müssen. Erfahrungsgemäß geht die Qual recht schnell an die Eltern über, die das schmucke – leider recht schwere – Rad dann nach Hause schleppen müssen, weil der Nachwuchs vielleicht doch noch nicht so weit ist. Das fördert dann zumindest die Motorik bei den Erwachsenen. Ist ja auch was…
Irgendwann ist aber jedes Kind wirklich so weit, sich den Herausforderungen der zwei Räder zu stellen. Die erste „Sportart“, mit der sie es daher als Elterngeldpapa zu tun bekommen, ist folglich neben dem obligatorischen Ballgeschiebe sicherlich das Fahrradfahren.
Es ist eine Zeit, in der sie ihre Clubmitgliedschaft im Fitnesscenter abbestellen können – was sie vernünftigerweise eh schon getan haben weil sie 1. Keine Zeit mehr dafür haben werden und 2. wenn sie mal Zeit dafür hätten, dafür zu müde sind. Müdigkeit können sie sich in der „Fahrrad erlern Phase“ allerdings nicht erlauben.  Da müssen sie sowohl mental als auch körperlich topfit sein. Zuerst sind sie als Mentaltrainer gefragt. Denn der Verlust vom Laufrad bzw. das Abmontieren der Stützräder ruft beim Nachwuchs eine gewisse Skepsis hervor, ob das, was sie da treiben denn überhaupt gut ist. Es soll Fälle geben, wo das Erlernen der Kunst des Fahrradfahrens Monate gedauert hat, weil diese zentrale Frage gegenüber den kritischen Gemütern nicht zur vollständigen Zufriedenheit beantwortet werden konnte. Also bereiten sie sich entsprechend gut vor.
Haben sie diese Hürde erfolgreich hinter sich gebracht und die Jungend dafür begeistert, in die Pedale zu treten, wird es körperlich. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Eltern sein können. Beim Fahrradfahren lernen werden  Spitzenwerte erzielt – sie werden nur noch getoppt von besorgten Eltern, wenn der Nachwuchs mal wieder unkontrolliert Richtung Hauptverkehrsstraße rennt…
Lassen sie sich nicht vom Beginn täuschen, wenn sie im zügigen Schritt die ersten Fahrversuche ihres Kindes begleiten. Kinder sind nicht doof, sie haben erstens sehr schnell den Trick raus und merken zweitens noch schneller, wie sie Mama oder Papa so richtig hetzen können. Und dann strampelt der Sprössling begeistert los – und sie hecheln nebenher. Über Stunden. Der Marathonman ist damals tot zusammengebrochen, so weit wird es bei ihnen nicht kommen. Aber ihr Deo wird versagen, sie werden den Freiherrn von Drais verfluchen, der auf diese Schnapsidee gekommen ist, sich auf zwei Rädern fortzubewegen und ihnen wird die Motorik ihres Kindes auf einmal total egal sein. Aber wenn sie anschließend unter dem Sauerstoffzelt (es empfiehlt sich immer eines dabei zu haben) wieder zu sich gekommen sind, werden sie glücklich sein, dass ihr Kind Fahrrad fahren kann.
Glauben sie. Glaubt auch ihr Kind. Sie werden aber feststellen, dass es eigentlich auch einen Bremskurs geben sollte. Und der undefinierte, waghalsige Zickzackkurs, den sie bei jeder Ausfahrt beobachten dürfen, wird sie von Herzattacke zu Herzattacke bringen und ihnen unzählige Schweißperlen auf die Stirn zaubern. Und wenn sie bis jetzt nicht gläubig waren, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, es zu werden, denn sie werden Stoßgebet um Stoßgebet zum Himmel schicken.
Ihre Stoßgebete werden erhört werden. Wie bei allem wird aber auch hier alles mit der Zeit besser. Und am Ende werden nur noch ihre erworbenen grauen Haare an diesen Lernprozess erinnern. Motorik gut, alles gut!