E wie Essverhalten

Über das Thema „Essen und Kinder“ müsste man eigentlich  ein eigenes Buch schreiben aber vermutlich würde es nie fertig werden, weil Kinder in diesem Punkt einfach völlig unberechenbar sind. Deshalb erst einmal die gute Nachricht: Als Mann haben sie in den ersten Monaten essenstechnisch überhaupt keine Sorgen. Wenn das Baby Hunger hat, wird es sich sehr schnell bemerkbar machen. Nicht irgendwie sondern laut. Sehr laut. Fürchterlich laut. Sie werden erst wirklich wissen, was Ruhe ist, wenn sie mal ein Kind vor Hunger haben schreien hören. Das ist nicht schön. Umso schöner für sie als Mann, dass sie erst einmal gar keine Aktien dabei haben, den Schreihals satt zu bekommen. Jetzt ist nämlich Mama am Zug. Egal wann, egal wo. Da wird an der prallen Brust angedockt, dass es eine Freude ist. Also freuen sie sich, dass so schnell Ruhe ist und seien sie nicht neidisch. Die Brüste bleiben noch ein bisschen länger groß…
Die schlechte Nachricht: Nichts hält ewig. Und sollten sie zu der mutigen Spezies gehören, die sich zu einer alleinigen Elternzeit durchgerungen hat, was bedeutet, das die Mutter des Kindes nach dem Abstillen arbeiten geht und sie mit leichten Panikattacken alleine mit dem Nachwuchs zurück lässt, empfiehlt es sich, sich schon mal mit Begrifflichkeiten wie „Breichen“, „Lätzchen“ oder „Löffelchen“ auseinander zu setzen. Darüber hinaus wünsche ich ihnen eiserne Nerven. Sie werden sie brauchen…
Der Weg des sorgenden Vaters führt erst einmal in die nächste Drogerie, wo mit einem Rollgriff sämtliche Babybreie vom Regal in den Einkaufswagen wandern. Zuhause begutachten wir dann stolz unsere Errungenschaften, danken Klaus Hipp für sein Qualitätsversprechen und scheinen gerüstet für den ersten Hungerast vom Junior. Sollten sie skeptisch sein, scheint das durchaus angebracht. Denn die ebenfalls skeptischen Blicke unserer Zöglinge verheißen unter Umständen nichts Gutes. Möglicherweise läuft aber alles perfekt. Es gibt Kinder, die essen vorbehaltlos alles, was man ihnen vorsetzt. Sogar die Gläschen von Onkel Hipp. Es gibt ja auch Menschen, die essen immer Schnitzel mit Pommes. Oder Eisbein. Allerdings nicht alle. Denn dann gibt es auch noch die Revoluzzer. Kinder drängeln sich da besonders gerne an vorderster Front. Dummerweise sind die Revoluzzer  völlig anti. Naja, zumindest mögen sie wohl Onkel Hipp nicht so doll. Als Konsequenz bleibt der Mund zu. Und zu heißt zu. Da können sie noch so sehr den Kasper machen… Wenn dieser Fall eintritt haben sie zwei Möglichkeiten:
Möglichkeit 1: Sie besorgen sich einen Strick und eine Wäschklammer. Mit dem Strick binden sie die Hände vom Nachwuchs an den Stuhl, die Wäschklammer kommt auf die Nase. Irgendwann – vermutlich nach ziemlich langer Zeit, die Bürschchen sind zäh – geht der Mund auf. Dann können sie problemlos reinschaufeln. Sollten sie diese Variante favorisieren, die den kleinen Schönheitsfehler hat, dass sich ihr Zögling wie eine polnische Mastgans fühlen wird, gebe ich zu bedenken, dass sie nicht lange alleine sein werden. Die freundlichen Mitarbeiter vom Jungenamt werden ihnen den ein- oder anderen Besuch abstatten, ihr Anwalt wird vermutlich zum einen über ihre Scheidung, die ihre Frau beantragt hat, mit ihnen reden wollen und sie gleichzeitig vor Gericht wegen Misshandlung Schutzbefohlener wenig erfolgreich vertreten. Spätestens wenn  die harten Jungs im Knast mit ihnen ähnliche Spiele spielen, werden sie bei einer halbwegs vernünftigen Selbstreflektion darauf kommen, dass dieses Vorgehen vermutlich mehr Nach- als Vorteile hat.
Bleibt Möglichkeit 2: Kein Fastfood sondern selber kochen: Begreifen sie es als Horizont Erweiterung. Kaufen sie auf dem Markt frische Bioprodukte. Lernen sie neue Gemüsesorten kennen. Oder wussten sie bisher, was „Pastinaken“ sind? Fangen sie an, Fenchel oder Möhrchen zu schnibbeln, alles schonend zu kochen und zu passieren. Sie werden begeistert sein, wie schnell sie mit einem falsch angesetzten Mixer eine ganze Küche zusauen können. Das Spaß-Wegwisch-Verhältnis ist allerdings nicht allzu gut. Wenigen Sekunden Spaß stehen im krassen Missverhältnis zu stundenlangen säubern. Und sie werden erstaunt sein, wo sie überall Breirückstände finden werden… Aber seien sie sicher, sie finden den richtigen Dreh irgendwann raus. Ihre Frau wird sie dann für einen Halbgott halten, wenn sie sieht, wozu sie fähig sind. Danach sollten sie allerdings darum beten, dass der kleine Vielfraß ihre Bemühungen auch dadurch belohnt, dass der Mund auch aufgeht, wenn sie ihm ihren selbst gemachten Brei anbieten…
Irgendwann wird aber jedes Kind was essen. Versprochen. Behalten sie aber Hinterkopf, dass farbenfrohe Essensbreie eine gewisse Faszination  auf kleine Kinder auswirken. Kurz: Achten sie darauf, dass das Schälchen mit dem Brei nicht Schlagweite des Kindes steht. Sonst drohen ähnliche Schweinereien wie wenn sie mit dem Mixer hantieren. Denn so ein gezielter Handkantenschlag hat schon für große Heiterkeit beim Nachwuchs gesorgt. Beim von oben ist unten eingesauten fütternden Elternteil dagegen nicht immer…
Letztendlich ist die Babyzeit aber die unkomplizierteste Zeit, was die Ernährung angeht. Unsere kleinen Monster wiegen uns mit Beginn der festen Nahrungsaufnahme in einem Gefühl der trügerischen Sicherheit. Sie essen nämlich alles. Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch, würziger Käse, alle Arten von Aufschnitt. Alles. Komischerweise lässt das mit zunehmendem Alter stark nach. Irgendwann essen sie nur noch Chicken Nuggets, Würstchen, Pommes und Pizza. Dazu natürlich tonnenweise Ketchup. Und alle Arten von Süßigkeiten , versteht sich. Im Idealfall werden Nudeln gerade noch so toleriert.
Wenn sie es also unkompliziert wollen, kochen sie sich und ihrer Frau was Feines und stellen sie für den Nachwuchs ein paar Nudeln mit einer Magnumflasche Ketchup auf den Tisch. Das klingt nach Aufgeben? Da haben sie nicht ganz Unrecht. Aber glauben sie mir: Früher oder später werden sie doch wieder bei Nudeln mit Ketchup landen: Und sie werden sich so die ein oder andere Enttäuschung ersparen. Etwa die, dass sie ein vorzügliches und gesundes Essen zubereitet haben, zum Beispiel sündhaft teures frisches Fischfilet. Auf dem Tisch steht also der köstliche Fisch und die Sprößlinge – ich selbst habe drei an der Zahl – greifen beherzt zu. Sie freuen sich, dass die Kinder ausnahmsweise mal was Gescheites essen. Sie freuen sich auch noch, als die Kinder begeistert nachnehmen. Mit abnehmender Menge des Fisches weicht die Freude einem gewissen Frust, denn sie hätten ja auch gerne etwas abbekommen. Aber der Appetit der Jungend scheint grenzenlos. Sie wissen was kommt. Letztendlich können sie sich entscheiden, ob sie hungrig ins Bett gehen oder sich die Frustpizza, die als realistischer Fallback für die Kinder gedacht war, in den Ofen schieben.
Aber Sie sind nicht dumm und obendrein noch lernfähig: Noch einmal passiert ihnen das nicht: Beim nächsten Mal kaufen sie die dreifache Menge Fisch, was den Fischhändler ihren besten Freund werden und sie beim Bezahlen tief durchatmen lässt. Und dann steht er wieder auf dem Tisch. Ein Berg an feinem Edelfisch. Und dann hören sie eine quäkende Stimme: „Was ist das?“ Und sie antworten begeistert: „Lecker Fischfilet, dass habt Ihr doch beim letzten Mal so gerne gegessen!“ Das folgende lakonische „Mag ich nicht! Ich will Pizza!“ lässt ihnen vermutlich die Gesichtszüge entgleiten. Zumindest werden sie heute aber nicht hungrig ins Bett müssen, denn vorher müssen sie noch eine Tonne Fisch vertilgen…
Was lernen wir daraus: Kinder sind unberechenbar. Immer. Und überall.