C wie Choleriker

 

Die etwas älteren Väter oder die Großväter, die das hier lesen, werden sich noch an das HB Männchen erinnern, das bei einer Kleinigkeit fürchterlich die Beherrschung verlor und vor Aufregung unter der Decke hing. Ich gehe jede Wette, der Erfinder war Vater von kleinen Kindern!
In unserem Nachwuchs steckt nämlich ein erhebliches cholerisches Potential, was sich meist in den unpassendsten Situationen den Weg nach draußen bahnt, um die grenzenlose Elternliebe mal wieder auf eine harte Probe zu stellen. Auslöser sind in der Regel immer Nichtigkeiten. Kann man Tobsuchtsanfälle irgendwie noch nachvollziehen, wenn es ums Zimmer aufräumen oder Musikinstrumente üben geht, so entfaltet sich die ganze Pracht des Ausflippens und Schreiens in Situationen, in denen man nun wirklich nicht damit rechnet. Bevor ich selbst Vater wurde durfte ich eine Situation beobachten, bei denen der simple Hinweis, dass man das Ballettröckchen zum winterlichen Schneespaziergang bei Minusgraden vielleicht besser nicht anziehen sollte, dafür sorgte, dass sich die Tochter zuerst randalierend im Kinderzimmer einschloss, während der Vater höflich klopfend davor stand. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, das süße Töchterlein stürzte heraus, schlug auf den Vater ein und versuchte ihm, ins Bein zu beißen… „Schaff Dir keine Kinder an“, war der lakonische Kommentar – den ich selbstredend nicht befolgt habe. Als Belohnung erfreue ich mich heute an den überraschenden Reaktionen meiner künftigen Erben, sofern ich sie ob ihrer Eskapaden nicht irgendwann doch noch mal enterben sollte.
Simple Fragen wie „wolltest Du nicht zur Toilette?“  können einem fast schon das Abbruchunternehmen für das marode Bad ersparen, ob Ihr Putz und der Türkitt wirklich was taugen, erfahren sie am besten, wenn sie sich mal kurz erkunden, ob die Hausaufgaben schon gemacht sind.
Hysterische Schreiattacken stehen an, wenn sie es wagen, den Fernseher aus zu lassen, obwohl gerade die Lieblingssendung auf Kika läuft. Und auch an der Supermarktkasse spielen sich täglich wahre Dramen ab, wenn Eltern die Frechheit besitzen, dem Nachwuchs die erwartete Süßigkeit zu verweigern…
Panisch wird es allerdings erst, wenn die Zöglinge vor Wut stiften gehen, man weiß leider nie, ob sie ihre Drohungen vom Weltuntergang wahr machen und wiederkommen. Ich würde es nicht drauf ankommen lassen. Da heißt es dann Beine in die Hand…
Am besten, sie nutzen diese intensiven Erfahrungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Denn es wird oft genug vorkommen, dass ihre kleinen Choleriker gerade dann zur Höchstform auflaufen, wenn sie das Geschehen nicht in den trauten vier Wänden geheim halten können – das ist zumindest in Mehrfamilienhäusern sowieso eine Illusion, denn so dicke Wände sind noch gar nicht erfunden…
Gehen sie also davon aus, dass ihr Nachwuchs in der Öffentlichkeit austackert – vor den Augen wildfremder Leute. Allein wie sie mit deren Reaktionen umzugehen lernen, lässt sie viele hundert Euro für entsprechende Seminare sparen. Darüber hinaus ist es sehr erhellend, zu erfahren, wie übergriffig der ein- oder andere Zeitgenosse ist. Die Frau jenseits der 50 – also meisten die Mutter, die mittlerweile eine völlig verklärte Sichtweise auf die eigene erzieherische Tätigkeit hat, neigt dazu, einem zu sagen, dass man das arme Kind doch nicht so schreien lassen kann. Das ganze garniert mit einem Blick, bei dem sie das Gefühl haben, sie stehen nackt vor ihr, so durchdringend ist er. Widerspruch ist dabei übrigens zwecklos – oder haben Diskussionen bei Ihrer Schwiegermutter schon mal zum Erfolg geführt? Übrigens, die zugehörigen Männer schauen derweil betreten weg – deren Erinnerungsvermögen scheint besser zu sein…
Jüngere Frauen gucken meistens mitleidig, wobei ich bis heute noch nicht herausgefunden habe, ob sie das Kind oder die Eltern meinen… Jüngere Männer hingegen sehen eher schockiert zu und kaufen vermutlich umgehend Kondome. Die entspannten Rentner grinsen eher belustig. Und andere Kinder lachen – oder überlegen sich gerade, wie sie selbst ihre Eltern in eine ähnliche Situation stürzen können… Allen ist gemeinsam: Sie glotzen! Sehr eindringlich sogar. Und alle Blicke verraten, dass sie erziehungstechnisch ja so mal gar nichts auf der Pfanne haben…
Ihr Kind bekommt davon nichts mit, das ist schließlich damit beschäftigt, mit allen Vieren den Boden zu malträtieren und dabei Geräusche von sich zu geben, die man eher in einer Schlachterei vermuten würde…
Lächeln sie! Lächeln sie alles weg! Zeigen sie Gelassenheit, wenn sie ihr sich mit Händen und Füßen wehrendes, brüllendes Kind durch die Fußgängerzone schleifen. Denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht – und ganz ehrlich, wenn man sich von den äußeren Zwängen frei macht, dann ist so ein kindlicher Tobsuchtsanfall ganz unterhaltsam. Die hören im Übrigen viel eher auf, wenn sie das Gefühl haben, ausgelacht zu werden anstatt dass auf ihre Allüren wer weiß wie eingegangen wird… Also Lächeln! Lächeln! Lächeln!
Sollte es mit dem Lächeln dann leider doch nicht so klappen, wie gewünscht, gebe ich an dieser Stelle gerne den Hinweis auf hervorragende Erziehungsberatungsstellen, die es mittlerweile fast überall und oft auch kostenlos gibt. Es fällt einem im Übrigen kein Zacken aus der Krone, wenn man sich mal professionelle Hilfe holt, wenn man mal nicht weiter weiß. Kein Spruch sondern selbst gemachte Erfahrung… 😉