B wie Babykurse – und was sonst noch so folgt…

Es gab Zeiten, da bekam man als Paar Familienzuwachs:  Ein Kind. Frau kümmerte sich drum, Mann selbst ging arbeiten. Irgendwann war es im Kindergarten, irgendwann in der Grundschule und zu Vaters Freude gingen die Jungs in den Fußballverein und zu Mamas Freude gingen die Mädchen in den Turnverein. Akademikereltern schleiften ihre Kinder gerne noch zum Klavierunterricht. Alles war einfach, alles war überschaubar. Kurz: Alles war gut. Heute ist auch alles gut. Aber nichts ist mehr einfach und überschaubar ist es erst recht nicht. Und das hat nicht zwingend etwas damit zu tun, dass die Frauen endlich ihre Zwangsjacke als alleinverantwortliche Mutter los werden und die Sonntagspapis heutzutage endlich etwas mehr tun als am Wochenende stolz den Kinderwagen zu schieben.
Vielmehr fordert der Zeitgeist seinen Tribut: So manch gestresstes Elternteil, dass sich in der Elternzeit ein kleines bisschen Abschalten vom stressigen Berufsalltag verspricht, steht kurz darauf erst Recht vorm Burnout, wenn er sich damit auseinandersetzen muss, was heute mit den süßen Kleinen alles angesagt ist. Das Angebot ist mannigfaltig, schier unüberschaubar:
Pekip (siehe P) ist ein Muss, Englisch für Babys in Neureichenkreisen ebenfalls. Babymassage darf nicht fehlen. Der Babymusikkurs für das musische Kind – das eigene ist natürlich immer besonders begabt – ist gewissermaßen zwingend. Erste Erfolge sind vermutlich auch schnell sichtbar, wenn das Kind zur Abwechslung mal in Moll statt in Dur schreit. Babyschwimmkurse sind ebenfalls hoch im Kurs. Wo das Balg früher also brav in der Wiege lag, ist heute purer Stress für die Eltern angesagt. Das gilt auch für sie als Mann, denn von einem engagierte Elterngeldpapa wird schließlich ebenfalls voller Einsatz erwartet, wenn es darum geht, dem neuen Erdenbürger ein angemessenes Freizeitprogramm zu servieren. Wenn sie im Freundeskreis der jungen Eltern also nicht ganz schnell die Pappnase aufhaben wollen, sollten sie also das volle Programm fahren. Am besten, sie machen einen Tages- und Stundenplan für alle Aktivitäten.
Die schlechte Nachricht dabei: Leider gibt es keine Gewerkschaft, die sich für die 40 Stunden Woche zuhause einsetzt. Gehen sie daher davon aus, dass sie ihre kümmerliche Freizeit abends schlafend auf dem Sofa verbringen werden. Denken sie aber immer daran, es ist immer nur zum Besten für ihr Kind. Das soll es ja mal besser haben als sie.
Haben wir die Windelphase unserer Zöglinge hinter uns gebracht – es wird irgendwie schon gehen – geht der Stress in die nächste Phase: Jetzt  stehen in der Regel musische und sportliche Aktivitäten an. Hören sie nicht auf besserwissererische Musiklehrer, die ihnen einreden wollen, Instrumente lernt man am besten erst ab sechs Jahren. Nutzen sie eher die Gelegenheit, drei Jahre Vorsprung vor dem Nachbarskind zu haben. Dann sind vermutlich auch mehrere Musikinstrumente drin – und man kann auch besser damit angeben. Dass das Nachbarskind – sollte es tatsächlich ein paar Jahre später beginnen –  vermutlich deutlich schneller vorankommt und daher mehr Spaß dran hat, blenden wir an dieser Stelle aus, wer orientiert sich schon an Verlierern?
Spätestens zu dieser Zeit sollten sie darüber nachdenken, ein zusätzliches privates Gewerbe anzumelden: Werden Sie Taxifahrer. Bei den diversen Familienfahrten werden sie zwar keine Cent verdienen, allerdings könnten sie sich dann einreden, dass das, was sie da tun, zumindest einen Sinn hat und sie nicht nur niedere Dienste als Kinderchauffeur zu verrichten haben. Da sich zu den Freizeitaktivitäten nämlich noch andere Regeltermine ergeben werden, bräuchten sie sich eigentlich nur eine Uniform anzuziehen, um dieses Klischee perfekt zu erfüllen. Ein kleines Zeitmanagement Seminar kann auch nicht schaden…
Hier zur Anschauung das Tagesprogramm eines ganz normalen Mittwochs mit drei Kindern (Nr. 1, 2 und 3) :
Morgens Kita und Grundschule– durchschnaufen und Kraft sammeln…
13:45 Uhr Abholen Nr. 2
14:00 Uhr Start Klavier Nr. 2
14:30 Uhr Abholen Nr. 1 + 3
14:45 Uhr Abholen Klavier Nr. 2
15:00 Uhr Start Volleyball Nr. 1
15:30 Uhr Start Ballett Nr. 3
15:45 Uhr Abgeben Nr. 2  zuhause
16:15 Uhr Abholen Ballett Nr. 3
16:30 Uhr Abholen Nr.1 Volleyball
16:45 Uhr Abgeben Nr. 1 + 3 und Abholen Nr. 2 zuhause
17:00 Uhr Start Turnen Nr. 2
18:00 Uhr Abholen Turnen Nr. 2
18:15 Uhr zu Hause mit Nr. 2
Danach wird  die Jugend ordnungsgemäß abgefüttert, bettfertig gemacht, die Gute Nacht Geschichte vorgelesen und danach ist – kaum zu glauben – FREIZEIT! So gegen 21 Uhr. In der können sie sich dann darüber freuen, dass morgen kein Volleyball ist. Und kein Ballett. Und kein Turnen. Ist das schön! Weniger schön ist dann, dass ihre bessere Hälfte mit ihnen vermutlich das Tagesprogramm des nächsten Tages durchgehen wird: Flöten, Kidsdance, Fußball, Hockey…