A wie Aufräumen

Sind sie Ordnungsfanatiker? Oder lieben sie es eher Laize faire? Jede Wette, ihr Kind liebt das Chaos! Zumindest liebt der Nachwuchs es, das gemütliche Wohnumfeld in ebensolches zu verwandeln. Stoppen sie mal die Zeit, wie lange ihr Kind braucht, ein aufgeräumtes Zimmer in eine Messi-Wüste zu verwandeln. Sie werden begeistert sein, mit welcher Schnelligkeit da zu Werke gegangen wird. Das ist übrigens dasselbe Kind, das sie mit stoischer Gelassenheit und quasi gefühlter Arbeitsverweigerung mit 100 prozentiger Sicherheit zur Weißglut treibt, wenn sie es mal eilig haben, aber das nur am Rande.
Hier geht es schließlich um die Dramen, die sich in ihrem Haushalt abspielen werden, wenn sie ihrem Kind vermitteln wollen, dass der Zustand der Verwüstung kein Zustand von Dauer sein kann. Ihr Kind wird das anders sehen. Das hat zwei Gründe: Erstens ist dieser Zustand frei gewählt und zweitens findet sich in heutiger Zeit immer ein doofer Erwachsener, der letztendlich den Status Quo geordneter Verhältnisse wieder herstellt. Falls sie es noch nicht gemerkt haben sollten, der doofe Erwachsene sind vermutlich sie selbst – oder wenn sie als Macho alles richtig gemacht haben, ihre Frau. In jedem Fall nicht ihr Kind. Denn das wird sie beim leisesten Anzeichen von geforderten Aufräumarbeiten erst einmal mit großen Augen ansehen und den Sinn des Ganzen in Abrede stellen. Mein Sohn fragte mich mal: „Haben die Erwachsenen wirklich das Aufräumen erfunden?“ Und dann total erstaunt hinterher zu schieben: „Und warum?“  Sie haben in jedem Fall den Jackpot gezogen, wenn es darum geht, den Familienfrieden mal wieder auf die Probe zu stellen. Letztendlich gibt es keine Konstellation, in der alle zufrieden sein werden:
Fall 1 (der Normalfall): Ihre Frau räumt auf: Kind zufrieden, Papa zufrieden, Mama nicht zufrieden. Während sie also gemütlich vor der Sportschau  abhängen und der Nachwuchs die günstige Gelegenheit wahrnimmt, das nächste Zimmer in Chaos zu stürzen, sorgt Mama für Ordnung. Über deren Gesichtsausdruck, wenn sie sie nach getaner Arbeit auf dem Sofa rumlümmeln sieht, hüllen wir an dieser Stelle den Mantel der Liebe. Sie bekommen spätestens im Bett die Quittung, wenn sie kuscheln wollen und ihnen ihre genervte bessere Hälfte die kalte Schulter um nicht zu sagen den Vogel zeigt.
Fall 2 (eher selten): Der Doofe sind tatsächlich sie selbst und sie räumen auf: Kind zufrieden, Mama begeistert, Papa kurz vorm kotzen. Während ihre Lieblingsmannschaft in der Sportschau gerade den Rekordsieg zelebriert, sortieren sie Lego, Playmobil, Fischertechnik oder Puppenklamotten, Schminkutensilien oder Stofftiere. Sie werden vermutlich einen neuen Rekord an Schimpfwörtern aufstellen und sich in Zeiten zurückwünschen, in denen den Kindern noch nicht alles hinten rein geblasen wurde sondern sie sich mit einigen wenigen Spielsachen zufrieden geben mussten – was übrigens auch ging, man glaubt es ja kaum. Wenn sie irgendwann reichlich genervt ins Wohnzimmer wanken, wird sie ihre Frau mit großen, begeisterten Augen ansehen. Leider können sie das dann abends im Bett nicht mehr ausnutzen, denn sie werden völlig fertig in ebensolches fallen und sofort einschlafen…
Fall 3 ( selten bis nie): Das Kind räumt auf: Die Theorie sieht vor, dass man dem Kind erklärt, dass es die selbst verursachte Unordnung bitte selbst wieder beseitigt. Das Kind wird das natürlich einsehen, Mama und Papa ziehen sich gemeinsam zurück, alle sind glücklich, auch das Kind, weil es sich ernst genommen fühlt und erfahren kann, was es selbst bewirken kann. Wenn sie das allen Ernstes in einem Ratgeber lesen, schmeißen sie das Ding besser gleich weg. Das kann nur jemand geschrieben haben, der selbst gar keine Kinder hat. Erstens mal, das Kind erfährt jeden Tag, was es bewirken kann. Mama und Papa springen doch täglich für die kleinen Süßen rum – wozu braucht es da noch aufräumen? Und zweitens vernebelt ihnen so etwas den Sinn für die Realität. Die sieht nämlich so aus: Kind tobt, Mama schreit, Papa flippt aus: Warum? Gehen sie mal davon aus, dass ihr Sprössling nicht begeistert von der Idee ist. Tatsächlich steckt in den kleinen Kerlchen oft großes cholerisches Potential. Das wird es sie spüren lassen. Sei es, dass der Zögling rumschreit, das bestehende Chaos noch verschlimmert indem er alles auf dem Boden liegende noch mal schön durchmengt, oder seine grenzenlose Wut andersweitig zeigt. Da helfen dann nur die „harten“ Erziehungsmethoden: Isolationshaft im Zimmer, bis das Bürschchen Ruhe gibt. Bei der Gelegenheit würde ich dann direkt noch einmal die Qualität der Tür und insbesondere der Türklinken überprüfen. Die haben einiges auszuhalten, seien es rhythmische Tritte oder – auch sehr beliebt – sich an die Klinken hängen, wenn die Eltern ebensolche zuhalten. Statt gemütlich Sportschau zu gucken dürfen sie ihre Männlichkeit also beim Klinken festhalten beweisen. Das hebt die Stimmung. Oft endet so ein Fall dann noch im Zerwürfnis der beiden Eltern, weil man sich nicht einig ist, ob man den kleinen Querulanten nun zu lieb oder zu hart behandelt hat. Das Ende vom Lied wird sein, dass die Eltern am Ende doch wieder alles machen – während das Nachbarzimmer vom Nachwuchs heimgesucht wird…
Es gäbe da noch einen Fall 4: Alle räumen gemeinsam und in Ruhe das Zimmer auf. Alle sind zufrieden. Wäre das schön. Es wird eine Illusion bleiben. Aber es ist trotzdem schön, daran zu glauben…